Forum: Rez: O. Blaschke: Endzeit der Rezensionen, wie wir sie kennen? Tendenzen im Faktencheck

Von
Olaf Blaschke, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

„Rezensionen vergehen, Bücher bestehen”. Mit diesem altersweisen Satz richtete Hans-Ulrich Wehler in den 1980er- und 1990er-Jahren in Bielefeld frustrierte Autorinnen und Autoren wieder auf, wenn ihr Werk durch eine Rezension schlecht erwischt wurde. Doch mag sich das Verhältnis inzwischen etwas verschoben haben. Bücher, vergänglicher als früher, sind nach wenigen Jahren nicht mehr im Buchhandel erhältlich, wenn sie auch samt der sie betreffenden Fachzeitschriften-Rezensionen in den Bibliotheken verharren. Indes bleiben die hybride oder nur digital publizierten Rezensionen im Netz jederzeit rasch auffindbar, etwa durch recensio.net. Über sie können von zuhause aus Urteile über Bücher gefällt werden, die dann möglicherweise nie in die Hand genommen werden. Dennoch wäre es übertrieben, heute den Spieß umzudrehen, als ob Bücher vergehen, Rezensionen bestehen. Was Autorinnen und Autoren im geisteswissenschaftlichen Feld immer noch zuvörderst auszeichnet, sind ihre Monographien. Entscheidend ist, dass sie überhaupt besprochen werden.

Bei der Debatte um Zustand und Zukunft des Rezensionswesens in der Umwelt sich wandelnder Publikationskulturen kann es nicht darum gehen, Notwendigkeiten zu formulieren, Normen und Forderungen aufzustellen. Sie gehen leicht von der Feder und würden ohnehin von den meisten H-Soz-Kult Leserinnen und Lesern geteilt. Auch ist keine Werbung für oder gegen etwaige Formate zu machen oder freihändig über Entwicklungen zu spekulieren. Rasch geschriebene Plädoyers und Behauptungen gibt es schon genug. Aber stimmen sie? Lohnenswerter ist es vielmehr, zentrale Probleme der Debatte über das gegenwärtige Rezensionswesen zu beobachten und deren Belastbarkeit im „Faktencheck” zu prüfen.

Rezensionskrise und rasanter Wandel

Beginnen wir mit den im Editorial zu diesem Forum gemachten Anregungen. Informieren, bewerten, einordnen – der digitale Wandel erschwere es, diesen Aufgaben gerecht zu werden. Es erhebe sich die Frage, „ob das Rezensionswesen seine Funktionen momentan noch voll erfüllt” und „das Fach in seiner ganzen Breite” abdecke. Angesichts der grassierenden Quantifizierung, Drittmitteljagd und der geringen Gratifikationen, die das Feld für die Leistung von Rezensionen vergebe, werden Bedenken laut: Stehen Nutzen und Aufwand „derzeit in einem sinnvollen Verhältnis” zu ihrer Anerkennung?

Wer sich mutig hervorwagt, Aussagen zu treffen, wie es „momentan” und „derzeit” sei, riskiert – zumal wenn sie in die Löwengrube von Historikerinnen und Historikern geworfen werden –, dass historisch zurückgefragt wird, ob Rezensionen jemals ihre Funktionen voll erfüllten und jemals nobilitierend wirkten. Sie waren und sind eine Dienstleistung, wobei niemand verlangt, derart zu übertreiben wie Albrecht von Haller, der von 1745 bis zu seinem Tod (1777) über 9000 Rezensionen allein für die Göttingischen gelehrten Anzeigen verfasste, mithin jeden Werktag eine.1 Mir ist trotz jahrelanger Forschung über die Geschichte der Geschichtswissenschaft kein Fall bekannt, in dem jemand wegen der Abfassung einer Rezension einen nennenswerten Karrieresprung machte. Umgekehrt können sie für die Rezensierten rufschädigend oder selten auch karriereentscheidend sein.2

Nachdenklich stimmt auch das Konkurrenzargument: Andere Akteure (Laien, Blogger) wie alternative Kommunikationspraktiken und -medien expandierten in popularisierende bis wissenschaftsferne Gefilde. Qualitätsstandards stünden auf dem Spiel. Die Veränderungen in der Wissenschaft beträfen das „Rezensionswesen tiefgreifend”. Doch welche Bedeutung haben die Veränderungen „für die Zukunft des Rezensionswesens?”3

Auf diese hier recht offen gestellte Frage gab Gudrun Gersmann schon vor acht Jahren eine erste Antwort. Sie entwickelte 2013 ein klares Szenario, freilich um mit ihrer „Keynote” auf einer Tagung von recensio.net zur Diskussion anzuregen. Auch wenn klassische Rezensionen Schneisen in die Wissenschaftslandschaft schlügen und daher wichtig und verteidigenswert seien, wie Gersmann betonte, vertrat sie die Auffassung, dass ihre „große Zeit ein Stück weit vorbei ist. Gefahr droht von verschiedenen Seiten”: Erstens gebe es einen Rezensentenschwund. Alle Journale machten die Erfahrung, dass diese „vornehme Pflicht” an Anziehungskraft verliere. Es werde immer schwerer, Bücher zur Besprechung loszuwerden oder diese pünktlich einzuholen. Die „neue Unlust am Rezensieren” liege am Zeitmangel, am Bolognaprozess, an aufzehrenden Zielvereinbarungen. Rezensionen brächten nicht viel ein. Aufmerksamkeit im Fach erreiche man eher durch Blogs und Twittern.4

Zweitens erleide das Genre einen Attraktivitätsverlust. Die „starre Form der Rezension alten Stils” werde den Gegenständen nicht mehr gerecht. Die Publikationskulturen in den Geisteswissenschaften unterlägen einem Veränderungsprozess von atemberaubender Schnelligkeit. Die „alte Kultur der Monographien”, einst prägend, beginne als Muster aufzubrechen. Als neuer Typ der Monographie kristallisiere sich das „living book” heraus, das fluide sei, in dem ein Kerntext von anderen oder einem selber ständig aktualisiert werde. In dem Maße verändere sich auch die Rezension, die nur noch neue Passagen kommentiere. Folglich eigneten sich Blogs und Tweets besser als Rezensionen und lüden zum interaktiven Austausch ein.

Schließlich der Expertensturz: Die Rezension gelte als Genre der Experten (und Expertinnen), die ihre Leserschaft gerne als eine Art Cicerone führten und ihr gegenüber ein hierarchisches Gefälle errichteten. Doch gebe es inzwischen auch in der Wissenschaft schon egalitäre, kollaborative Bewertungsverfahren. Sie würden in der Zukunft eine starke Rolle spielen, darunter beliebte Vertriebsplattformen für Bücher (wahrscheinlich ist Amazon gemeint), wo das Kollektiv zu einer Bewertung gelange. Das sei bei den Geisteswissenschaften noch zögerlich entwickelt. In der Tendenz jedoch werde das Reden und Schreiben über etwas, sage Sascha Lobo, wichtiger als das Ergebnis selbst. Wir müssten uns darüber verständigen, ob der Weg vom Experten hin zur Crowd zunehme.5

Nach der Tagung passierte, was passieren musste. Es wurde „gebloggt”. Ein Doktorand hatte auf „Hypotheses.org” Gersmann so verstanden, als habe sie „das sich abzeichnende Ende der traditionellen Rezension beschrieben” und deren „Krise” ausgerufen. Daraus entwickelte der Doktorand eigenständig den Befund: „Die Krise der wissenschaftlichen Rezension ist eine Tatsache.” Weniger jedoch das Format, vielmehr die Form sei in der Krise. Man müsse wieder begeisternde, spannendere Rezensionen schreiben. Etwaige Belege, früher seien sie fesselnder gewesen, fehlen leider. Heute seien Rezensionen meinungsschwach, arm an Kontroversen, es gebe „Gemauschel” mit den Verlagen, „es feheln [!] Charakterautoren” etc. „Sicher liese [!] sich die Liste nuancieren oder ausweiten.” Sachkenntnisfrei, in der Kategorie „Meinung” bei „Hypotheses.org” peinlich verewigt und mit sechs zustimmenden Kommentaren versehen, wird eine „Rezensionskrise” verkündet.6 Sowas ist rasch formuliert und findet ebenso rasch billige Zustimmung, zumal niemand subjektive Geschmacksurteile verifizieren oder falsifizieren kann. Keine Seite hat sich bemüht, dem Gehalt der Behauptungen historisch und analytisch nachzugehen. So werden jahrhundertealte Vorurteile und Meinungen quasi aus dem Bauch heraus neu erfunden. Dass wir „besser schreiben” sollen, weniger fußnotenselig und dafür packender, empfahl uns schon Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Hamburger Historikertag 1978 während der sogenannten „Krise der Geschichte”, Ratschläge, die aus der Weimarer Republik ebenso vertraut sind wie aus dem späten 19. Jahrhundert.7

Auf derselben Tagung hielt Valentin Groebner dagegen, wie ungemein wichtig angesichts der Überfülle an Texten Rezensionen seien, um unsere knappe Lesezeit zu retten. Das Fach Geschichte „steckt im Moment in einer Phase fetter Überproduktion”. Sie fühle sich neu an, sei aber, war sich Groebner bewusst, ein altes Problem.8 Die vermeintliche Bücherflut mag uns überwältigen. Überfordert – „Die Zahl der Bücher müßte man auch vermindern und die besten auswählen” – waren aber schon frühere Zeitgenossen, die überdies darüber klagten, dass „jeder einen Doktor haben will”. Das Zitat ist von Martin Luther aus dem Jahr 1520.9

Die kleine Aufwallung von 2013 war nicht das erste Mal, dass die starre, traditionelle Buchkritik der Fachleute in Frage gestellt wurde. Aufgescheucht durch das Privatfernsehen, Talks Shows, aber auch schon durch das Internet, wo neuerdings jede und jeder unbeaufsichtigt Rezensionen abladen konnte, wurde in den späten 1990er-Jahren über die „Krise der Literaturkritik” diskutiert. Die Experten der Literatur- und Kunstkritik sahen ihre Rolle durch Laien usurpiert.10 Hier schon ging es um den Konkurrenzstreit, um Gersmanns „Expertensturz”. Dabei war damals noch kaum absehbar, wie sehr der Erfolg von Büchern einst durch Leserkritiken bei Amazon, bücher.de, Perlentaucher oder Lovelybooks11 beeinflusst werden sollte. „Der Rezensentenmob, zu dem die Laien im Web immer wieder werden, durchbricht die Schranken”, hieß es provokativ.12 Die Debatte über die Rezensionskrise griff auch auf die Akteure akademischer Zeitschriften über. Solche Krisen werden ausgerufen, aber nie für beendet erklärt, wie schon die tiefgreifende „Krise der Literaturkritik” in den 1960er- und 1970er-Jahren. Auch damals ging es um die Expertenreputation, aber ebenso um das spezifische Problem, wie sich rechte Maßstäbe zwischen Wissenschaftlichkeit und Subjektivität finden ließen.13

Eingeleitet hatte den Expertensturz Etienne La Font de Saint-Yenne. Er entfachte einen anhaltenden Streit zwischen ausgebildeten Kritikern der königlichen Kunstakademie in Frankreich und Kunstliebhabern, indem er 1747 den berühmten Satz prägte: „Ein öffentlich ausgestelltes Gemälde ist wie ein Buch, das in gedruckter Form publiziert wird. [...] Jeder hat das Recht, darüber ein Urteil zu fällen.”14 Gemeint waren allerdings aufgeklärte Bürger. Heute haben noch mehr Menschen das Recht, sich ein Urteil zu bilden. Jedem bleibt indes auch das Recht, diese Urteile zu ignorieren.

Wie steht es nun bei der jetzigen Neuauflage der Diskussion über das Buchkritikwesen? Gibt es Argumente, die nicht bereits vor der Existenz des Internets vorgetragen wurden? Viele Probleme entpuppen sich auf einer gewissen Abstraktionsstufe als alte Gefechte, etwa die Hoffnung auf bzw. Befürchtung von mehr Partizipation. In der Tat bietet die digitale Welt ungeheure Chancen, die Schreibende wie Lesende weidlich nutzen. Dieser Essay für ein digitales Forum zum Beispiel wäre für einen dereinst erscheinenden Sammelband wohl nicht geschrieben worden. Das Medium selber beeinflusst unsere Schreibtätigkeit, unseren Stil und unser Denken. Das dürfte demnach auch auf Rezensionen zutreffen, soweit sich ihr Umfeld gewandelt hat: noch mehr Bücher da draußen bei gleichzeitigem Rezensentenschwund sowie sinkenden Absatzzahlen von gedruckten Zeitschriften, steigende Beschleunigungserwartungen, Demokratisierung durch das Internet in Form partizipativer und interaktiver, vermeintlich hierarchiefreier und kollaborativer Bewertungsverfahren hin zur Rezension 2.0.

Kontinuität im Strom der Zeit – Rezensionen als Fels in der Brandung

Trotz der „digitalen Revolution”, besser: Evolution, deren Zeitzeugen wir seit drei Jahrzehnten sein dürfen, lassen sich erstaunliche Beharrungskräfte ausmachen. Wer sich sorgt, die große Zeit der Rezensionen sei vorbei, darf entspannt durchatmen. Die beschworene „Gefahren”, die ihr drohten, werden überschätzt.

Prüfkandidaten für den rasanten Wandel und die vermeintliche Endzeit der Rezensionen sind:
a) Rezensentenschwund und Zeitmangel
b) Attraktivitätsverlust
c) Expertensturz
d) Rezensionsquotensenkung
e) Funktionsverlust
f) Kommerzialisierung
g) Beschleunigung und Aktualitätsstreben

a) Rezensentenschwund und Zeitmangel. Greifen wir zunächst die Beobachtungen von Gudrun Gersmann auf: Wenn die Akteure keine Zeit mehr haben, weil sie Bologna bewältigen und Drittmittelanträge schreiben müssen, womit sie wiederum andere beschäftigen, die diese Anträge begutachten müssen, dürften alle weniger Zeit haben, Bücher zu schreiben, für die ein Rezensionsbedarf entstünde. Besonders betroffen wären Frauen, weil sie im Feld unterrepräsentiert sind, aber (hochschulrechtlich bei Berufungsverfahren vorgeschrieben) paritätisch begutachten und mehr Gremienarbeit leisten sollen, also noch weniger Zeit haben, mithin noch weniger Bücher schreiben können. Dem Rezensentenschwund müsste also ein Bücherschwund entsprechen. Das Gegenteil ist der Fall, wie sich von Historikertag zu Historikertag und Buchmesse zu Buchmesse beobachten lässt. Über die andauernde „Misere mit den Literaturberichten” stöhnten übrigens die Verantwortlichen von Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU) schon 1954. Eine Lösung fand sich nicht. Das „Affentheater” mit dem Rezensionsteil wurde auch in den 1960er-Jahren weiter beklagt.15

Probleme, Rezensenten zu finden und Rezensionsschulden einzutreiben, sind also nicht neu. Es gibt keine „neue Unlust am Rezensieren”. Nur wissen die aktiven Rezensionseintreiber, auf ihr operatives Geschäft konzentriert, nicht mehr, dass es eigentlich immer so war wie heute. Andere hängen sich dran und schreiben einfach hin, es „wollen immer weniger Wissenschaftler/innen Rezensionen übernehmen”, ohne die leiseste Ahnung davon, wie es 1890, 1950 oder 2000 war, und ohne Scheu, sich derart in einem Blog zu entblößen.16 Aber was ist daran wahr und neu? Der Besprechungsteil müsse „lebendiger werden”, bedrängte 1964 der Oldenbourg Verlag die Herausgeber der Historischen Zeitschrift (HZ), und auch zehn Jahre später nervte die Suche nach passenden Rezensenten und der riesige, nicht abgetragene Berg an ausbleibenden Besprechungen.17 Vielleicht sollte man sich vorab mit dem Thema beschäftigen, bevor man meinungsstark über vermeintlich leblose Rezensionen heute und die Rezensionskrise "bloggt".

b) Vom Attraktivitätsverlust (für Rezensenten, Leser oder Rezensierte?) ist – wenn man sich nicht an der Rezensionsmoral von Albrecht von Haller orientiert – acht Jahre nach Gersmanns Vortrag noch ebensowenig zu merken wie von der Ablösung „starrer” Monographien durch „living books”. Eher wollen Autorinnen und Autoren, ohne sich in den ohnehin entbehrungsreichen Schreibprozess von einer „Crowd” hineinreden zu lassen, einen klaren Gedanken, einen kohärenten Argumentationsbogen erst einmal zuende bringen und mit ihrem Namen verantworten, um ihn als ausgereiften, als fertigen der Diskussion zu übereignen. Die meisten sind ergebnis- statt prozessorientiert sozialisiert, wollen einen Haltepunkt fixieren, den sie dann erst auf Tagungen etwa diskutieren lassen.18 Das Ende des bedruckten Papiers und die Verdrängung des P-Books durch das E-Book rief Bill Gates schon vor über 20 Jahren aus, das „Ende der Gutenberg-Galaxis” prophezeite Marshall McLuhan schon 1962.19 Und doch ist nichts davon passiert, im Gegenteil: Es gibt noch mehr gedruckte Monographien als vor 60, 20 oder acht Jahren, während der mikroskopisch kleine E-Book-Markt stagniert (5,4 Prozent des Umsatzes in Deutschland). Solange dies so ist, verlieren Rezensionen nicht an Attraktivität für Rezensenten und Leser auf der Suche nach Orientierung und kreditwürdigen Urteilen. In den Medienwissenschaften weiß man, dass neue Medien die alten nicht ersetzen, sondern ergänzen – wie die Zeitung nicht durch das Radio abgelöst wurde und dieses nicht durch das Fernsehen.

c) Expertensturz: Im Zuge der Professionalisierung des Faches im 19. Jahrhundert ging der Kampf der Berufshistoriker gegen die Amateure siegreich für sie aus, in den Zeitschriften und im Historikerverband.20 Erneut erwehrten sie sich in der Weimarer Republik dichterisch begabter Hobbyhistoriker, deren Bestseller den Markt fluteten.21 Heute scheinen die Experten wieder in der Defensive. Das Internet hat zu einer Demokratisierung, Pluralisierung und Egalisierung bei der Beteiligung an der Buchkritik gesorgt – zum Preis einer schleichenden Entprofessionalisierung. Sogar in den klassischen, analogen Organen wie der HZ finden sich, vor wenigen Jahrzehnten undenkbar, Promovierende, die Bücher besprechen dürfen. Ihr Anteil ist jedoch gering. Die meisten Rezensionen werden von Professor:innen oder Habilitierten verfasst.22 Für diese Entlastung darf man dankbar sein. Und kaum jemand würde heute noch wie 2009 von der hohen Warte eines ZEIT-Redakteurs schreiben, H-Soz-Kult biete „ein Rezensionsforum für jüngere Historiker, die in den etablierten Organen noch nicht oder nicht mehr zum Zuge kommen.”23

Der Expertensturz sei schon im Gange, betont Marko Demantowsky. Rezensionen seien in den letzten Jahren zu „akademischen Fingerübungen für den Nachwuchs” geworden, was aber die ausgewiesenen Experten nicht entbehrlich machen dürfe. Dafür sind Rezensionen viel zu voraussetzungsreich.24 In der Tat muss man erst einmal hundert themenverwandte Bücher kennen, um das besprochene Werk glaubwürdig einordnen und komparativ bewerten zu können. Bei literarischen Werken ist das einfacher: Da kann man sagen, ob man die Erzählung ansprechend und spannend zu lesen fand, ob man subjektiv betroffen wurde, ohne sie unbedingt in den literaturhistorischen Kontext von der „Romantik” bis heute einsortieren zu müssen. Weil hier jeder mitreden zu können glaubt, nahmen die von La Font angestoßene Kunstkritikdiskussion vor über 270 Jahren sowie die „Krise der Literaturkritik” vor 60 und vor 30 Jahren vorweg, was nun auch das wissenschaftliche Feld zunehmend berückt. Die Fachgemeinschaft als Rezipientenkollektiv weiß jedoch sehr genau zu unterscheiden, von wem eine Buchmusterung stammt und welchen Wert sie ihr beimessen kann. Angesichts dessen „anonyme Rezensionen” als eine Lösung zur angeblichen „Rezensionskrise” anzupreisen, weil sie von „institutionellen Zwängen” unabhängig mache, klingt zwar modisch, ist aber gänzlich deplaziert.25 Im Gegenteil mehren sich zuletzt die Stimmen, die für eine Aufhebung der Anonymisierung sogar bei Wikipedia sind, damit mit dem dort betriebenen Unfug endlich Schluss sei, etwa dass Unternehmen sich über bezahlte Strohmänner selber preisen, Hochstapler und „Desinformationskrieger” ihr Unwesen treiben oder Unkundige Urteile über alles abgeben, während sich die Fachleute frustriert zurückziehen. „Die Wikipedianer nennen das Schwarmintelligenz. Oft ist es aber nichts anderes als Mob-Anarchie”. Daher dürfe das Nachschlagewerk „nicht anonymen Nerds überlassen” bleiben.26

d) Die Rezensionsquote würde sinken, wenn das Besprechungswesen tatsächlich einem Rezensentenschwund und Attraktivitätsverlust unterläge. Prüfen wir den Trend anhand einer stabilen Größe, der 1859 gegründeten „Mutter der geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften”, der Historischen Zeitschrift. Die Quote misst, wie viele Bücher von den jährlich erschienen Titeln tatsächlich rezensiert werden. Im jüngsten abgeschlossenen Jahrgang 2020 gab es in sechs Heften zusammen 548 Rezensionen. Von den 3754 deutschen Neuerscheinungen in der Rubrik Geschichte (Sachgruppe 900) im Jahre 2019, um die jüngsten Zahlen des Börsenvereins, vorgelegt im Sommer 2020, zugrunde zu legen27, wären das 14,5 Prozent. Indes muss man die vielen HZ-Rezensionen von im Ausland erschienenen Titeln abziehen: 149 englische, 16 französische und fünf anderssprachige Titel, insgesamt 170. Im Ergebnis (378) wird also nur jedes zehnte deutsche Geschichtsbuch mit einer Rezension gewürdigt. Neun von zehn bleiben auf der Strecke. Ist das wirklich dramatischer als früher?

Die HZ kam 1962 mit nur 158 Rezensionen aus, bevor sie sich dem steigenden Bücherdruck beugte und ganze Ressorts strich, um mehr Raum für Rezensionen zu schaffen. Gemessen an den 1245 deutschen Neuerscheinungen in der Rubrik Geschichte 1961 und abzüglich der im Ausland erschienenen Titel, die damals schon immerhin ein gutes Drittel der Besprechungen ausmachten (57), kommt man auf lediglich 8,1 Prozent. Der Blick in die Geschichte kann doch immer heilsam sein und vor Diagnosen, wie traurig es „derzeit” sei, schützen.

Vor einhundert Jahren gab es in der HZ 101 Rezensionen. Gemessen an den 1195 Neuerscheinungen von 1920 minus der acht Besprechungen von im Ausland erschienenen Werken ergibt sich für 1921 eine Rezensionsquote von 7,8 Prozent. Ist also heute ein Rezensions- und Rezensentenmangel zu beklagen? Tatsächlich steigerte sich die Quote von 7,8 Prozent vor hundert Jahren auf 8,1 Prozent vor knapp 60 Jahren auf heutige 10 Prozent. Dabei waren die Kollegen vor hundert Jahren viel stärker auf die HZ angewiesen. Heute bieten noch etliche andere Zeitschriften und digitale Formate Rezensionen an. Daher lässt sich schlussfolgern: Nie war es besser um das Rezensionswesen bestellt als heute.

e) Zur Frage, „ob das Rezensionswesen seine Funktionen momentan noch voll erfüllt” und ob „das Fach in quantitativer Hinsicht in seiner ganzen Breite abgedeckt” wird, lässt sich dreierlei antworten.

Erstens: Damit Rezensionen ihre Funktion beim Adressaten erfüllen können, bedürfen sie der Lektüre. Deren Häufigkeit und Intensität, zumal auf Papier, lässt sich nicht ermitteln, weder für heute noch für die vergangenen Jahrzehnte. Auflagenzahlen der Zeitschriften bieten nur einen unzureichenden Anhaltspunkt. Nachweisbar sind jedoch Verkaufsschübe nach positiver Aufmerksamkeitserregung in Zeitungen. Zweitens: Die obigen Zahlen legen bereits nahe, dass Rezensionen das Feld nie in seiner ganzen Breite abdecken konnten, aber heute gewiss stärker als je zuvor. Drittens: Der funktionale Wert von Rezensionen wird häufig in die Spiegelmetapher gekleidet: Die „Entwicklung der Fachkultur des 19. und 20. Jahrhunderts spiegelte sich nicht zuletzt im Rezensionswesen wider”.28 Dasselbe ist für die Historikertage behauptet worden wie für die HZ, die „ein Spiegel der Entwicklung der Geschichtswissenschaft” sei, der ihre Erfolge und Schwächen „getreu widerspiegelt”.29 Tatsächlich bildete die HZ nur einen bestimmten Teil des Faches ab, sonst hätte es in den 1970er-Jahren keiner sozialgeschichtlichen Neugründungen bedurft.

Die Historikertage waren eher „Schaufenster” als Spiegel des Faches, indem sie eine Auswahl präsentieren, indem sie Akzente und Impulse für bestimmte Tendenzen setzen, während andere nicht oder mit merklicher Verzögerung zu Wort kamen wie etwa die Frauengeschichte erst 1984.30

Auch das Rezensionswesen konnte nie ein eins-zu-eins Abbild des Faches sein. Wenn sich etwas widerspiegelte, dann ein spezifischer Habitus und die Machtverteilung im Feld. Bemessen und sortiert wurde die Asymmetrie, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, nach dem zugeschriebenen Ruf der Autorinnen und Autoren und der Reputation des Verlages. Bei aller Gerechtigkeit und Objektivität, die beim Rezensieren obwalten sollte, wurden und werden doch eher „gute” Autoren und Autorinnen und Werke aus „guten” Verlagen besprochen. Verlagsnamen sind ein Selektionskriterium. Noch fast alle Geschichtstitel der Verlage De Gruyter, Böhlau, C. H. Beck und Musterschmidt wurden in den 1960er-Jahren in der HZ besprochen, sehr viele von Oldenbourg und Kohlhammer, aber nur ein Bruchteil der Werke von Steiner, obwohl sie mehr produzierten als etwa Oldenbourg, und kaum etwas aus den Verlagen Reclam und Fischer. Eine Abdeckung zu fast hundert Prozent gelingt aber keinem Verlag mehr. Heute, im letzten Jahrgang, schneiden De Gruyter und C. H. Beck immer noch sehr gut ab, während Reclam mit nur einem und Fischer mit keinem Titel repräsentiert sind.

Eine besondere Sichtbarkeit kam in den letzten Jahren Wallstein zu. Mit 28 besprochenen Büchern bei 67 Novitäten 2019 erreichte der Verlag 2020 in der HZ eine am Produktionsniveau gemessene Rezensionsquote von stolzen 42 Prozent. Schöningh erspielte sich eine Quote von immerhin 21 Prozent (14/65), Campus von fast 11 Prozent (4/37). Weit entfernt davon bleibt Peter Lang mit unter einem Prozent, einer einzigen Besprechung bei 130 bis 140 Geschichtstiteln jährlich. Katastrophal fällt die Bilanz der seit den 1990er-Jahren in Deutschland aus dem Boden sprießenden sogenannten Universitätsverlage aus, die mit dem Glanz der echten Institute in England zu blenden versuchen. Die „Hamburger University Press” und der Leipziger Universitätsverlag sind je ein Mal dabei, andere fehlen komplett.

Im Einzelfall abweichend, aber strukturell dasselbe Ergebnis offenbart sich bei H-Soz-Kult: Vandenhoeck & Ruprecht (V&R), Wallstein und Transcript belegen dort 2020 die ersten drei Plätze, gefolgt von Cambridge University Press (CUP), Oldenbourg, Böhlau und Oxford University Press (OUP) mit erfreulichen Rezensionsquoten, Wallstein etwa von mehr als der Hälfte der bei ihnen produzierten Titel (35/67). Auch Schöningh (21/65) und Campus (16/37) schneiden mit 32 bis 43 Prozent sehr gut ab. Peter Lang dagegen erreicht mit zwei Titeln wieder nur eine mickrige Quote von 1,5 Prozent (2/130). Lediglich drei deutsche „Universitätsverlage” sind mit je einem Buch unter den 678 besprochenen überhaupt dabei: die Universitätsverlage Göttingen und Leipzig sowie die „Bonn University Press”, die 2005 als „Imprint” von V&R unipress gegründet wurde.31 Diese Staffelung bestätigt sich bei Sehepunkte, an deren Ende der Röhrig Universitätsverlag und wieder der Leipziger Universitätsverlag stehen.

Nicht die geschichtswissenschaftliche Forschung wird also „gespiegelt”, sondern was man im Feld von ihr hält. Es unterscheidet zwischen A- und B-Ware und bei den in Betracht zu ziehenden Produkten nuanciert zwischen renommierten, weniger renommierten und unbekannten Autorinnen und Autoren sowie spektral zwischen verdienten Verlagen, die hohe Qualitätsstandards setzen, und Dissertationsdruckereien oder Open Access Anbietern.

Ferner werden zwei Sorten von Büchern vernachlässigt: besonders erfolgreiche und besonders erfolglose. Besonders erfolgreich sind etwa die Bücher der Reihe C. H. Beck Wissen mit ihrer Normgröße von 128 Seiten. Sie haben einen klaren Gegenstandszuschnitt – etwa Die Völkerwanderung oder Benito Mussolini–, sind seit 25 Jahren etabliert, erleben mehrere Auflagen, doch sie sind einfach zu preisgünstig, als dass sich der Aufwand einer Rezension lohnen würde.32 Die besonders erfolglosen Titel sind die nie zitierten, wenn auch möglicherweise soliden Dissertationen der modischen „University Presses” und E-Books, selbst wenn sie als Open Access für jedermann einsehbar sind.33 Diese Titel, mühevoll verfasst von Autorinnen und Autoren, die offenbar keinen Gedanken daran verwendeten, wo sie publizieren, verdursten im digitalen „Outback”, unzitiert und unrezensiert.

Die Rezensions-Asymmetrien sind nichts neues. Vor Jahrzehnten wäre die überschüssige B-Ware bei Peter Lang oder Steiner untergekommen, deren Rolle heute die Verlage Dr. Kovač, Cuvillier und andere übernommen haben, ohne je die Anerkennung einer Rezension zu erfahren.34 Wäre es bei Buchkritiken einzig um Information, Urteil und Einordnung gegangen, würden sich Mechanismen der Reputationsreproduktion nicht derart entwickelt haben. Aber das ist auch eine Funktion von Rezensionen, zu verstärken, was ohnehin läuft.

Dieser Befund trifft auch auf H-Soz-Kult zu. Bei den 17.769 von Clio-online erfassten Rezensionen ergibt sich eine andere Hitliste als bei der HZ, allerdings kumuliert bis ins Jahr 2001 reichend.: Um nur die „top ten” zu listen: Böhlau (759 Titel), Beck (412 + 61, da wegen verschiedener Klassifizierungen doppelt verzeichnet), V&R (471), Steiner (450), Oldenbourg (449), Campus (267 + 116 + 40, da drei Mal verzeichnet), Schöningh (356), Lang (262), Cambridge University Press (261) und Oxford University Press (243). Es folgen weitere englischsprachige Verlage, die Internationalisierung ist also ebenfalls ausgeprägt. Unter den ersten 100 Verlagen ist kein einziger deutscher „Universitätsverlag”.35

f) Möglicherweise zeichnen sich leichte Konzentrations- und Kommerzialisierungstendenzen ab. Die Korrelation zwischen den Titeln in der Rubrik „eingegangene Bücher” bei der HZ und den rezensierten lässt vermuten, wer viel einsende, werde viel besprochen. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Mischung aus unaufgefordert zugegangenen Büchern und von der Redaktion anhand der Kataloge ausgesuchten, mithin einer ersten Selektionsstufe. Dann wird ausgewählt, was von wem gemustert werden soll. Längst nicht alle eingegangenen Bücher finden ihre Kritiker, sondern zuletzt etwa 67 Prozent (2019: 818 Eingänge, 2020: 548 Rezensionen), deutlich mehr als vor zwanzig Jahren. Beide Selektionsstufen verstärken die im Feld meist unbewusste Reputationspyramide.

Oxford University Press publizierte 2019 mehr als 580 Bücher in der Rubrik „History”. Keine Zeitschrift kann das alles verarbeiten. Der HZ lagen schließlich 118 Bücher vor. Im Folgejahr wurden 58 Titel aus Oxford besprochen, also etwa halb so viele und halb so viele eben nicht. Von den bei OUP insgesamt erschienen Publikationen zur Geschichte ist es aber nur jedes zehnte (58/580), weniger als bei Campus. Gleichwohl schob sich der 1586 gegründete Verlag OUP an die Spitze der rezensierten Titel. Die schon 1534 gegründete Cambridge University Press liegt auf Platz drei. Trotzdem scheinen Bücher aus Cambridge nach Inaugenscheinnahme interessanter: 28 Titel wurden 2019 eingereicht, aber 31 rezensiert, auch von 2018 und 2020. Wallstein (28) und Beck (17) sahen die Hälfte ihrer eingesandten Bücher besprochen und nahmen die Plätze fünf bzw. acht ein.

Inzwischen zeichnet sich eine Art Konzentration ab. Es entfallen in der HZ satte 107 Rezensionen (= 19,5 Prozent) allein auf die beiden Spitzenreiter OUP und De Gruyter, während vor zwanzig Jahren die beiden führenden Verlage Steiner und Oldenbourg mit 61 Besprechungen (10 Prozent) nur halb so viel Raum für sich beanspruchten. Rechnet man wie in der Sozialforschung nach bewährten Quintilen, wird das oberste Fünftel aller 548 Rezensionen derzeit also unter nur zwei von 140 vertretenen Verlagen aufgeteilt. Das zweite Quintil aus 110 besprochenen Titeln entstammt aus vier Verlagshäusern: 3. CUP mit 31 besprochenen Büchern, 4. V&R, 5. Wallstein sowie 6. Steiner. Im nächsten Fünftel sind doppelt so viele Verlage, darunter Schnell & Steiner mit 15 Besprechungen zu Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit, gefolgt von dem unter deutschen Historikern und Historikerinnen besonders begehrten Münchner Verlag C. H. Beck, von Harrassowitz, Schöningh, Kohlhammer und Böhlau.36 Der Londoner Verlag Routledge führt auf Platz 15 mit acht besprochenen Büchern das vierte Quintil aus 110 Besprechungen und 30 Verlagen an. Die verbliebenen 95 Verlage mit 112 Titeln tummeln sich im letzten Quintil, angeführt von Oldenbourg mit zwei Rezensionen, während es Reclam und Stanford University Press, wie die meisten, hier nur auf einen einzigen Titel bringen.

Gilt auch hier also die berühmte Pareto-Regel, wonach 20 Prozent 80 Prozent leisten, also 20 Prozent Einsatz 80 Prozent Ertrag bringen oder 80 Prozent aller erfolgreichen Bücher aus nur 20 Prozent aller Verlagshäuser stammen? Die vorderen achtundzwanzig Verlage im jüngsten Jahrgang der HZ unter 140 Verlagen bilden genau 20 Prozent. Sie vereinen immerhin 72 Prozent aller Besprechungen (394/548) auf sich.

Vor zwanzig Jahren waren es nicht zwei, sondern vier Verlage, die sich das erste Quintil der insgesamt 605 Rezensionen teilten: Oldenbourg, Steiner, Böhlau und CUP. Auch das nächste Quintil bestand nicht, wie heute, aus bloß vier Verlagen, sondern aus sieben. Die Kurve der Ungleichverteilung von einem zum nächsten Verlag fiel flacher aus, aber wiederum noch seichter im HZ-Jahrgang von 1962, der andernorts ausgewertet wurde.37 Darin war sich die letzte Jahrhundertwende den 1960er-Jahren näher als unserer Gegenwart. Heute ist der Anstieg exponentiell: von zwei Verlagen im ersten Quintil auf vier auf acht, die Verdichtung an der Spitze also extremer.

Auffällig ist: Oldenbourg lag immer im Spitzenfeld der Verlage, deren Bücher besprochen wurden, im Jahr 2000 in der HZ etwa auf Platz eins. Heute steht dort De Gruyter vorne (Platz zwei hinter OUP), während Oldenbourg weit abgeschlagen rangiert. Die Pointe ist: Von 1859 bis 2013 wurde die HZ von Oldenbourg verlegt, dem ehemaligen Sieger auf dem Rezensionstreppchen. Dann wurde der Verlag von De Gruyter gekauft. Jetzt werden dessen Werke am fleißigsten besprochen. Spiegeln Rezensionen also die Fachkultur wider, die Reputationshierarchie oder in Einzelfällen auch kommerzielle Verhältnisse?

Die gute Nachricht ist, dass sich im HZ-Rezensionsteil 2020 im Vergleich zum Jahr 2000 und vor allem zu früheren Jahrgängen ein Trend zur Internationalisierung abzeichnet: OUP liegt auf Platz eins, CUP auf Platz drei, ferner sind unter den führenden 25 Verlagen Routledge und die Edizioni del Galluzzo vertreten, Princeton University Press, Bloomsbury Academic und Brepols.

g) Beschleunigung und Aktualitätsstreben: Man sagt der HZ gerne nach, sie sei etwas behäbig; zwei Jahre müsse man sich gedulden, bis man dort rezensiert werde. Aber darunter litt schon Friedrich Meinecke 1893: „Von allen Seiten höre ich Klagen, wie die HZ mit ihren Rezensionen immer 1-2 Jahre hinter anderen Zeitschriften nachhinke. Sie werden natürlich dann weniger beachtet und veralten nicht selten völlig.”38 Im jüngsten geschlossenen Jahrgang 2020 waren 261 Bücher in der Tat schon zwei Jahre auf dem Markt, also aus den Jahren 2017 und 2018. Aber sie machen nicht einmal die Hälfte der rezensierten 548 Werke aus. Der größte Teil, namentlich 266 Bücher, war bereits nach einem Jahr einer Kritik unterzogen worden, dazu kamen 21 Titel aus dem Jahre 2020 selber. Damit ist die HZ aktueller als das über sie verbreitete Vorurteil. Dieses bedürfte selber der Überarbeitung.

Gegenüber dem Stand vor zwanzig Jahren konnte die HZ merklich aufholen. Möglicherweise hat das parallel wachsende Internet zur Verfahrensbeschleunigung beigetragen und der HZ sozusagen „Beine gemacht”. Im Jahr 2000 war das Gros der Titel bei Erscheinen des jeweiligen HZ-Heftes tatsächlich schon zwei und mehr Jahre auf dem Markt: Über zwei Drittel (71 Prozent) waren 1997 und 1998 erschienen. Nur ein knappes Drittel rührte aus dem Vorjahr, und nur fünf Bücher waren brandaktuell aus demselben Jahr 2000. Für das vergangene Jahrhundert mag das Urteil, in der HZ würden Bücher rezensiert, die mindestens zwei Jahre alt sind, durchaus gegolten haben. Heute dagegen ist die HZ – nachdem sich der Anteil der Bücher aus dem vorherigen und laufenden Jahr 2000 von 28,5 Prozent auf jetzt 51 Prozent erhöht hat – dennoch langsamer als digitale Angebote wie H-Soz-Kult (87 Prozent 2020 von allen 678 Rezensionen) oder Sehepunkte (66 Prozent von 630 Rezensionen). Eine gewisse Zeit vergeht immer durch die Lektüre und Abfassung der Rezension, sodann durch das sorgfältige Lektorat und schließlich den Druck. Das Feuilleton der Tages- und Wochenzeitungen war stets schneller, was aber nichts mit unserer Frage nach dem digitalen Wandel zu tun hat. Ihr Wirkungskreis und ihr zunehmend gekürzter Rezensionsteil – auch wegen der ins Internet abgewanderten Werbung – sind nicht Thema dieses Essays.

Fazit

Sind Rezensionen angesichts der vielen, „momentan” nicht mehr zu überblickenden Büchermassen ein Teil der Lösung? Oder sind die „Rezensionsmassen” gar selber Teil des Problems? Das sind sie nicht. Vielmehr helfen sie, den Durchblick zu behalten. Das Lamento über „Rezensionsmassen”, das auf den Besprechungsteil der HZ zielte, ist übrigens ebenfalls nicht von heute, sondern aus der Mitte der 1920er-Jahre.39 Die Zahl der Rezensionen in der HZ allein hat sich seitdem versechsfacht. Es ist stets ihre eigene Zeit, die Zeitgenossen überfordert.

Annotieren, Bewerten, Kontextualisieren – das ist angesichts von mehr Büchern für das Fach systemrelevanter als je zuvor, ebenso wie echte Verlage, die für ihre Reputation einstehen und mit ihrem Kapital ein Risiko eingehen, im Unterschied zu online Publikationen, deren Risiko darin besteht, wenige „Likes” und Klicks zu haben. Beide Kriterien – klassische Rezensionen wie das Verlagsnamensgedächtnis – helfen bei der Aufgabe, zu selektieren, was potentiell lohnt und was weniger lohnt. „Weil alle Beteiligten nur begrenzte Zeit zum Lesen haben, setzen sich im Netz (ebenso wie außerhalb) diejenigen Formate durch, die Übersicht verschaffen und Informationsgewinnungskosten reduzieren.”40 Rezensionen fungieren dabei schon seit drei Jahrhunderten als solche praktischen Filter, die ein Verschwenden kostbarer Lebens- und Lesezeit verhindern helfen. Sie zwingen zur Verdichtung und selektieren die Spreu vom Weizen.

Der historische „Faktencheck” hat gezeigt, dass es um die Rezensionen „derzeit” nicht schlechter bestellt ist als früher, sondern – Beschleunigung, Internationalisierung, Rezensionsquotenverbesserung, Pluralisierung – eher besser. Um dann doch noch mit einer einzigen Empfehlung aus dem eigentlich nicht normativ, sondern empirisch angelegten Text herauszukommen: Als besonders nützlich erweisen sich Sammelrezensionen. Sie sind für die Schreibenden ein undankbares, mühseliges Geschäft und finden sich kaum in H-Soz-Kult oder der HZ, aber in der Neuen Politischen Literatur und dem Archiv für Sozialgeschichte. Doch sie brauchen Zeit und Muße. Die Zweijahresfrist zwischen Erscheinungsdatum und Besprechung können sie unmöglich einhalten. Derart eilig wie in der Virologie oder Epidemologie ist es im Fach Geschichte aber meistens nicht.

Dieser Beitrag erschien als Teil des Diskussionsforums über
Buchrezensionen in den Geschichtswissenschaften.
https://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5234
Übersicht zum Forum "Buchrezensionen in den Geschichtswissenschaften"

Anmerkungen:
1 Claire Gantet / Fabian Krämer, Wie man mehr als 9000 Rezensionen schreiben kann. Lesen und Rezensieren in der Zeit Albrecht von Hallers, in: Historische Zeitschrift 312 (2021), S. 364–399.
2 George M. Trevelyan verhalf mit einer prominent platzierten Rezension über England in the Age of the American Revolution Lewis Namier 1930 dazu, den Lehrstuhl für Modern History in Manchester zu bekommen. Aus Dankbarkeit rezensierte Namier niemals Bücher von Trevelyan, dessen Popularisierungen er geringschätzte. Vgl. David Cannadine, G.M. Trevelyan. A Life in History, 2. Aufl. London 1997, S. 206f. Vgl. dagegen als rufschädigendes Beispiel zu Heinrich Ritter von Srbik: Martin Scheutz, Turba ist ein ganz gemeiner Kerl! Rezensionen als Ehrdiskurs am Beispiel der MIÖG (1920–1939), in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 121 (2013), S. 63–86.
3 Jürgen Dinkel / Rüdiger Hohls / Claudia Prinz, Editorial zum Forum: Buchrezensionen in den Geschichtswissenschaften, in: H-Soz-Kult, Juni 2021, https://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5192.
4 Gudrun Gersmann, Über die Rolle der wissenschaftlichen Rezension im Zeitalter sich wandelnder Publikationsmedien, Vortrag auf der Konferenz "Rezensieren – Kommentieren – Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?", München, 31.01.2013, Min. 22:55, <https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/recensio.net_zwei_jahre_nach_dem_onlinegang_aussichten_und_planungen_fuer_die_zukunft_vortraege_und_paneldiskussion?nav_id=4225> (02.05.2021).
5 Ebd., Min. 27:30-34:15 u. Min. 34:15-37.
6 Marc Mudrak, Die Krise der wissenschaftlichen Rezension. Mehr Form, weniger Format!, in: Altgläubige in der Reformationszeit, 29.05.2013 <https://catholiccultures.hypotheses.org/1117> (02.05.2021).
7 Vgl. zu dieser „Krise” Matthias Berg / Olaf Blaschke / Martin Sabrow / Jens Thiel / Krijn Thijs, Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage in Deutschland 1893–2000, 2 Bde., Göttingen 2018, S. 550.
8 Valentin Groebner, Muss ich das lesen? Wissenschaftliche Texte mit Ablaufdatum. Vortrag auf der Konferenz "Rezensieren – Kommentieren – Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?", München, 01.02.2013, <https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/muss_ich_das_lesen_wissenschaftliche_texte_mit_ablaufdatum?nav_id=4209>; danach publiziert als Muss ich das lesen?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.02.2013; vgl. ders., Wissenschaftssprache digital. Die Zukunft von gestern, Konstanz 2018.
9 Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation. Von des christlichen Standes Besserung [1520], in: ders., Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm / Gerhard Ebeling, Bd. 1, Frankfurt 1982, S. 230.
10 Vgl. Maurice Berger (Hrsg.), The Crisis of Criticism, New York 1998.
11 Bei Lovelybooks werden auch einige Geschichtsbücher kritisiert von der Sorte: Sönke Neitzel, Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin 2020.
12 Oliver Bendel, User-generated Nonsense. Literaturbesprechungen von Laien im Web 2.0, in: Telepolis, 10.05.2009, <https://www.heise.de/tp/features/User-generated-Nonsense-3380980.html> (02.05.2021). Abwägend: Thomas Anz, Kontinuitäten und Veränderungen der Literaturkritik in Zeiten des Internets. Fünf Thesen und einige Bedenken, in: Stefan Neuhaus / Renate Giacomuzzi / Christiane Zintzen (Hrsg.): Digitale Literaturvermittlung. Praxis, Forschung und Archivierung, Innsbruck 2010, S. 48–59.
13 Friedrich Nemec, Tendenzen der Literaturkritik seit 1945, in: Rudolf Radler (Hrsg.), Die deutschsprachige Sachliteratur. Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart in Einzelbänden. Autoren, Werke, Themen, Tendenzen seit 1945, München / Zürich 1978, S. 429–457.
14 Etienne La Font de Saint-Yenne, Reflexions sur quelques causes de l’état présent de la peinture en France. Avec un examen des principaux Ouvrages exposés au Louvre le mois d’Août 1746, Den Haag 1747, S. 2. Vgl. Dorit Kluge, Kritik als Spiegel der Kunst. Die Kunstreflexionen des La Font de Saint-Yenne im Kontext der Entstehung der Kunstkritik im 18. Jahrhundert, Weimar 2009.
15 Nachweise bei Olaf Blaschke, Rezeptheft für Studienräte oder Wissenschaftsforum? 60 Jahre „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht” und die unbekannte Rolle ihres Gründers Gerhard Aengeneyndt, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 61 (2010), S. 555–579, hier: S. 567f.; ders., Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Göttingen 2010, S. 517–524.
16 Mudrak, Krise.
17 Vgl. Blaschke, Verleger, S. 526.
18 Vgl. die Texte von Groebner in Fußnote 7.
19 Marshall MacLuhan, The Gutenberg Galaxy, London 1962.
20 Dazu zuletzt: Berg u.a., Zunft.
21 Vgl. Sebastian Ullrich, „Der Fesselndste unter den Biographen ist heute nicht der Historiker”. Emil Ludwig und seine historischen Biographien, in Wolfgang Hardtwig / Erhard Schütz (Hrsg.), Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 35–56.
22 Nur 3,3 Prozent der Rezensionen gingen vor 20 Jahren auf nicht Promovierte zurück. Vgl. die Auswertung der 305 (von insgesamt 779) Rezensionen französischer Geschichtsbücher in verschiedenen Zeitschriften 1995–1999, insbesondere der Francia, geschrieben von den 59 führenden Rezensenten (diese 13 Prozent verfassten über 40 Prozent der Rezensionen) bei Gerd Krumeich / Thomas Beckers, Zeitgeschichte aktuell? Transfer von Frankreich nach Deutschland, in: Fritz Nies (Hrsg.), Spiel ohne Grenzen? Zum deutsch-französischen Transfer in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Tübingen 2002, S. 97–124, 106–109.
23 Volker Ullrich, Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Zur Präsentation von Geschichte in den Printmedien, in: Sabine Horn / Michael Sauer (Hrsg.), Geschichte und Öffentlichkeit. Orte – Medien – Institutionen, Göttingen 2009, S. 177–185, hier: S. 185.
24 Zitat: Marko Demantowsky, Podiumsdiskussion "recensio.net zwei Jahre nach dem Onlinegang: Aussichten und Planungen für die Zukunft" auf der Konferenz "Rezensieren – Kommentieren – Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?", München, 31.01.2013, Min. 12:30, <https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/recensio.net_zwei_jahre_nach_dem_onlinegang_aussichten_und_planungen_fuer_die_zukunft_vortraege_und_paneldiskussion?nav_id=4225> (02.05.2021).
25 Mudrak, Krise.
26 Livia Gerster, Wütiedianer stoppen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.02.2021, S. 8.
27 Tabellenkompendium zur Wirtschaftspressekonferenz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V. am 08.07.2020, S. 10, <https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/wirtschaftszahlen/> (02.05.2021).
28 Dinkel / Hohls / Prinz.
29 Lothar Gall, 150 Jahre Historische Zeitschrift, in: Historische Zeitschrift 289 (2009), S. 1–23, hier: S. 23.
30 Vgl. zur Frauen- und Alltagsgeschichte Berg u.a., Zunft, S. 565–591, zur Spiegel- und Schaufensterfunktion S. 704f.
31 Für Hilfe bei der Auszählung der HZ und von H-Soz-Kult 2020 danke ich Charlotte Jánosa.
32 Ausnahmen gibt es immer: Im Oktober 2000 wurde Jürgen Malitz, Nero (14,80 DM), rezensiert (Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 422f.).
33 Zur die Reputation messenden Rezensionsquote in den Stichjahren 1962 und 2000 vgl. Blaschke, Verleger, S. 258–264, 275–278; zur Welle von Universitätsverlagsgründungen ebd., 238–246.
34 Ausnahme zu Dr. Kovač: der Verriss in Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 812f. Auch die höchst raren Besprechungen in H-Soz-Kult und sehepunkte fallen meist negativ aus, Cuvillier fehlt komplett.
35 <https://www.clio-online.de/hro/page?q=&sort=newestPublished&fq=clio_dataSource_s_Text%3A%22H-Soz-u-Kult%22%3Apage=888page=888> (02.05.2021).
36 Zur Beliebtheitshierarchie von Verlagen unter Studierenden, Promovierenden und Hochschullehrenden vgl. Olaf Blaschke, Reputation durch Publikation. Wie finden deutsche Historiker ihre Verlage? Eine Umfrage, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), S. 598-620.
37 Blaschke, Verleger, S. 260–264.
38 Meinecke an den Verlag Oldenbourg, 17.10.1893, zitiert nach Theodor Schieder, Die deutsche Geschichtswissenschaft im Spiegel der Historischen Zeitschrift, in: ders. (Hrsg.), Hundert Jahre Historische Zeitschrift 1859–1959. Beiträge zur Geschichte der Historiographie in den deutschsprachigen Ländern, München 1959, S. 1–104, hier: S. 8.
39 Dies und die „Verstopfung” des Rezensionsteils zitiert nach Schieder, S. 8.
40 Groebner, Wissenschaftssprache.